Gelebte Integration: Spezielle Angebote für Zugewanderte

Kurse im Fachbereich Integration

Kurse für Zugewanderte in anderen Fachbereichen

Volkshochschule konnte neue Wege gehen

Soforthilfe niedrigschwellige Sprachgelegenheiten

Von den Integrations- über die Orientierungs- bis hin zu den Berufssprachkursen - von der Beratung bis zum Einbürgerungstest: Viele zugewanderte Menschen haben bisher zunächst die deutsche Sprache in der Volkshochschule kennengelernt. Danach bestand die Möglichkeit auch die anderen Programmbereiche im Rahmen einer möglichen Bildungskette nach dem Motto „Step by Step“ kennenzulernen.

Durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine ist der Bedarf seit 2022 speziell nach Integrationskursen, das sind Kurse, in denen systematisch die deutsche Sprache von Lehrkräften mit entsprechend hoher Qualifikation vermittelt wird, um anschließend eine Deutschprüfung zu absolvieren, massiv angestiegen. Das vorhandene Angebot reicht nicht aus und lange Wartelisten sind entstanden. Volkshochschulen können das Angebot nach Integrationskursen nicht beliebig ausweiten, weil ein erheblicher Fachkräftemangel besteht.

Das NRW-Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration legte im August 2023 das Förderprogramm „Soforthilfe niedrigschwellige Sprachgelegenheiten“ auf. Ziel der Kurse war es, die Wartezeit für die Menschen aus der Ukraine zu den Integrationskursen zu überbrücken, ihnen neben den Grundzügen der deutschen Sprache auch das Leben in Deutschland näher zu bringen.

Neben diesen Zielen war das Förderprogramm so attraktiv, dass Angebote konzipiert werden konnten, die neben einem Fachdozenten z.B. aus den unterschiedlichen Fachbereichen der Volkshochschule auch eine Muttersprachler*in als eine Art „Dolmetscher*in“ beinhalteten sowie Ausgaben für Sachkosten möglich waren.

„Die Kombination von Zielen, Ausstattung des Förderprogramms und den Erfahrungen, die die Volkshoch-schule Eschweiler mit Förderprogrammen hat, beschloss das gesamte pädagogische Team der Volkshoch-schule, das Programm umzusetzen“, so die vhs-Leiterin Silvia Hannemann.
 
 

 

Die Federführung zur Umsetzung des Programms wurde dann in die Verantwortung des stellvertretenden vhs-Leiters, Andreas Balsliemke, gelegt, der bisher fast die wenigsten Bezüge zu der Zielgruppe der Zugewanderten hatte.

Manchmal muss es schnell gehen: Im August bekannt gegeben, im September organisiert und im Oktober beantragt, wurden Anfang November Fördergelder bewilligt, welche es der Volkshochschule Eschweiler ermöglichte, insgesamt 52 Teilnehmende zu unterrichten. Im Schnitt nahmen die Menschen, teils zusam-men mit ihren Kindern, an zwei Kursen teil.

Balsliemke war beim Start aller Kursen dabei: „Ich fand die Atmosphäre in diesen Eltern-Kind-Kursen bemerkenswert. Man konnte den Menschen am Gesicht ansehen, wie schwierig ihre Situation ist. Und es war leicht zu erkennen, wie herausfordernd es ist, wenn man kaum ein Wort versteht.“ Die Volkshochschule hatte deshalb - neben der jeweiligen Fachdozentin - mit Margarita Lapushner eine Dolmetscherin im Einsatz, die mit besonderer Empathie vorging und lebensnahe, praktische Erörterungen einbringen konnte. Vor rund 20 Jahren startete Frau Lapushner ebenfalls einen Neuanfang in Deutschland.

Die Neu-Eschweilerin und Deutsch-Kanadierin - gewissermaßen also auch mit doppeltem Migrationshintergrund - Mechthild Springer leitete mehrere Kurse mit dem Titel „Eschweiler kennen lernen“: Neben dem Besuch der Innenstadt mit Hervorhebung der für diese Gruppen interessanten Geschäfte, schöner Gebäude, Spielplätzen, der Uferpassage der Inde mit ihrer jüngsten Geschichte der Überflutung und den damit verbundenen Schwierigkeiten der davon Betroffenen und dem Gespräch über alle Themen, die beim Ankommen helfen konnten, gab es immer wieder kleine gestalterische Auszeiten mit Zeichnen, Basteln und Spracherweiterung, die von den Schwierigkeiten des Migrationsalltags ablenken konnten. Dazu zählten gewiss auch der von der Eschweiler Franz-Liszt Gesellschaft an die Kursteilnehmer so bereitwillig gespendete Besuch eines großartigen Konzerts mit herausragenden jungen Musikern des „Jungen Schumann Instituts Düsseldorf“ und die persönliche Begrüßung des Vorsitzenden zu den Höhepunkten, wie auch der Ausflug zur Stadt Jülich, wo auf dem Weihnachtsmarkt im Obergeschoss des Glühweinzeltes ein Figurentheaters  aufwartete, das mit Kasperle, Räuber, Polizist und Oma einen kleinen Querschnitt deutscher Gesellschaft auch ohne Verständnis der deutschen Sprache für alle genussvoll darstellte. Nicht dabei fehlen durfte letztendlich auch die "Erfahrung bzw. Nichterfahrung“ unseres ÖPNV mit seinen derzeitigen Tücken und Lücken.

Da das vhs-Haus um diese Jahreszeit voll ausgebucht ist, öffnete die Eschweiler Stadtbibliothek den Gruppen ihre Pforten und zeigte den Kursteilnehmern, was sie zu bieten hat, einschließlich deutsch-ukrainischen Lernmaterialien, ukrainischen Kinderbüchern, Zugang zu einem exzellenten Online-Sprachlernprogramm u.a. auch für deutsch-ukrainisch sowie den vielen Ausleihmöglichkeiten, das bei den üblichen Sprachmedien nicht Halt macht, sondern sogar unter dem Thema Nachhaltigkeit gegen geringe Gebühr Zugang zu Haushaltsapparaten und sogar einem 3D-Drucker ermöglicht. Dazu eine gemütliche Sitzecke mit Tageszeitungen, Journalen und Kaffeeautomat für eine erbauliche Auszeit im geschäftigen Alltag.  

In nur fünf Wochen vermittelte die Künstlerin, Sabine Mayer-Terwort, Grundlagen des Aquarellierens. „Wie es ihr gelang, die Basics zu vermitteln, obwohl den Teilnehmenden zu Beginn nur ganz wenige deutsche Worte zur Verfügung standen, hat mich tief beeindruckt“, erzählt Balsliemke. Eine weitere Gruppe erlernte Techniken der Aqua-Fitness: Das Freibad hatte der Volkshochschule ein zusätzliches Zeitfenster eingeräumt. Donnerstags abends duftete das ganze vhs-Haus nach den Leckereien, die im Kurs „Feste feiern und vorbereiten“ mit Konditorin Monika Fahlbusch zubereitet wurden. Und freitags morgens konnten eventuell donnerstags verköstigte Fette im Kurs „Gymnastik und Rückenfitness“ wieder abgearbeitet werden.

Diese Förderung ist jetzt vorbei. Kursleiterin Mechthild Springer formuliert: „Ich bin sehr von den Teilnehmern beeindruckt, und mein Fazit ist: So traurig die Situation auch ist, Deutschland kann froh sein, diesen Zuwachs – wenn er bleibt – bekommen zu haben.  Viele von ihnen sind ganz begabte, teils auch musische Menschen mit tiefen Gedanken […] sie können viel zu jeder Gesellschaft beitragen.“ Ähnlich äußert sich Monika Fahlbusch: „Mich hat das Zusammentreffen mit den Teilnehmern sehr bereichert.“

Für rund 50 Ukrainerinnen und Ukrainer wurde die Wartezeit auf den Integrationskurs verkürzt. Sie haben erste deutsche Worte und einige wichtige Ausdrücke gelernt, die ihnen den Alltag erleichtern und auch das Einkaufen verständlicher und preiswerter machen kann. Sie haben ein besseres Verständnis erhalten, wie ihr nicht-ukrainisches Gegenüber fühlt und tickt. Ganz nebenbei haben sie die Volkshochschule von einer Seite kennengelernt, die ihnen sonst vielleicht entgangen wäre. „Viele der Teilnehmer wollen weitermachen, teils in nicht mehr kostenlosen Fortsetzungen, teils im breiten vhs-Kursangebot, das wegen einer 75%-Ermäßigung auch für sie erschwinglich ist“, erläutert Balsliemke. „So haben auch wir Organisatoren der Kurse gelernt: Will man Zugewanderte an das Angebot der Erwachsenenbildung in Eschweiler heranführen, können spezifische Angebote hilfreich sein. Außerdem bewirkt ein Hinweis in einer Telegram-Gruppe viel mehr als sonst übliche Wege der Veröffentlichung.“

Die Volkshochschule Eschweiler bietet deshalb im ersten Semester 2024 speziell für Zugewanderte Kurse im Aquarellieren, Aqua-Fitness, Gymnastik und Englisch an. Englischsprachige Zugewanderte werden darüber hinaus im Kurs „Yoga and Talk“ mit deutschen Englisch-Lernenden zusammengebracht.